Russian Nights Theatre and School

 

..."The poet himself chooses subjects for his songs; the crowd does not have a right to rule his art..."

"...What would the honorable public like?.."

                                                           Alexander Pushkin, "Egyptian Nights"

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bookValentina Kalistratovna Beletskaya

 

The Wandering Voice

 

Compozitor Publishing House • Saint-Petersburg

 

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Claudia Petri

 

Eine Erfahrungsanalyse.

In der Theaterschule „Russische Nächte" habe ich nach meinem Studium der Schauspielkunst an der St. Petersburger Theaterakademie zu meinem Bedauern hinsichtlich der 4,5 Jahre und zu meiner Freude erst das Wesentliche der Theaterkunst verstanden und erlernt. Bedauerlich ist hierbei aber nicht etwa vertane Zeit, nein - diese Zeit war die wichtigste Zeit meines Lebens / Theaterlebens, da sie mich mit der berühmt berüchtigten russischen Theaterkunst bekannt gemacht hat und mit meinen schon damaligen Pädagogen Alexander Markow und Valentina Belezkaja, von denen ich so viel gelernt habe.

Eines dieser wesentlichen Dinge ist der Umgang mit dem künstlerischen Text. Wie aber erkenne ich einen künstlerischenText? Mit der durch meine beiden Lehrer wiedergefundene Fähigkeit das Wahre und somit Ewige von der Täuschung und somit der Lüge zu unterscheiden, welche nicht ewig ist. So auch vergängliche kurzlebige „Künstelei" von wahrer ewiger Kunst - also: ewige Thematik von zeitlich bedingter Problematik, wovon die erstere menschlicher Natur ist und die letztere gesellschaftlicher. Dieses Erkennen und Unterscheiden der Dinge in dieser Welt war auch für mein persönliches Leben von großer Bedeutung.

Im Umgang mit künstlerischen Texten habe ich gelernt, daß jedes wahre Werk eine vollendete Komposition ist, das gleichfalls wie aus Noten und Zeichen aufgebaut ist, wovon nur eine - nämlich die letzte Note - die Vollendung anzeigen kann. Diese letzte Note wäre im Werk aus Worten und Zeichen der Punkt. Würde aber ein guter Dirigent die Pausen und anderen musikalischen Zeichen beim Dirigieren ignorieren? Würde ein guter Musiker diesem gleichtun? So mußte ich erstmals lernen, wie man ein Komma beispielsweise spielt. Was unterscheidet die vielen Punkte im Text vom allerletzten Punkt?

Die Kunst ist eine Kunst. Sie will also erst einmal zur Kunst gebracht werden. Diese Tatsache hat mir wieder sehr beim Unterscheiden geholfen, daß Kunst nicht gleich Kunst ist. Kann ein Maler in einer seiner so genannten Phasen, wie die Historiker sie benennen, beispielsweise 12 Bilder in nur 12 Monaten erschaffen, wovon alle samt ein Kunstwerk zu sein beanspruchen?

Doch nicht nur kühle Fakten habe ich in meiner Lehrzeit bei meinen beiden Lehrern aufzudecken gelernt. Diese wurden gleichsam lediglich zu einer Bestätigung dessen, was mein Herz für mich aufgespürt und schon immer bereit gehalten hatte. Beruhigend einerseits, aufregend andererseits war die Erkenntnis, daß mein Herz mir die Wahrheit „zuflüstert"- ich mußte nur wieder lernen, auf es zu hören und dem zu vertrauen. Offenbar und gar belegbar wurden ewige Wahrheiten die Kunst und das Leben betreffend. Also scheint doch folglich das Herz eine große Rolle spielen, im Verständnis um das Leben und so auch der Kunst. Bewiesen war hinfort für mich also noch eine Wahrheit: kein Kunstwerk kann lieblos entstehen - und wo Liebe ist, ist Freud und Leid.

Und: Die Kunst beschäftigt sich mit eben solchen den Menschen und das Leben betreffenden Wahrheiten - Folgerung: andere Themen können nicht Gegenstand der Kunst sein. Die Wahrheiten wiederum sind ewig. Also kann ein Kunstwerk niemals etwas Vergängliches beschreiben. Es wäre somit keine Kunst mehr - vielleicht schlimmstenfalls eine Gemeinheit. Gibt es aber zwei Worte für zwei verschiedene Dinge, so kann das eine ausschließlich eine Sache bedeuten und niemals noch eine zweite. Will ich also als Schauspieler eine Wahrheit ausdrücken, so muß ich erst einmal lernen, die Wahrheit zu sagen. So war ein enormer Bestandteil meines Studiums bei meinen beiden Lehrern, zu lernen, die Wahrheit zu sagen (was sich für mich als das Schwierigste herausstellte). Was bedeutet nun - die Wahrheit zu sagen? Das bedeutet schon mal etwas Ganzheitliches - also mußte ich lernen, aber auch kein Körperteil, während ich sprach, lügen zu lassen. Ja, gar die Atmung kann zu einer Lüge werden, wenn ich sie nur bedingt einsetze. Daraus würde sicherlich auch ein falscher Ton folgen. Jeder Konsonant, jeder Vokal ist wahrhaftig. So kann ich doch keinen von ihnen verschlucken! Grund genug, daß in der Theaterschule „Russische Nächte" nur in der dem Schauspieler eigenen Muttersprache gespielt wird. Nur eine bedingungslose Liebe ist zu solchen feinen Unterscheidungen fähig - (schmeißt doch die Lieblosigkeit alles gleich in einen Topf). Die schwierigste und zugleich die Theaterkunst ausmachende Wahrheit ist, daß der Schauspieler das geistige Leben seiner Figur, nicht etwa die wechselhafte Psyche der selben, auf die Bühne bringen will (Stanislawski]). Das geistige Leben wiederum beschäftigt sich selbst mit der Wahrheit. So muß der Schauspieler als ausführender Künstler dieses wahrhaftige geistige Leben wahrhaftig darstellen. Sehr wichtig ist hierfür noch eine weitere Erkenntnis, nämlich die, daß der Schauspieler als Person vollkommen unwichtig ist - also etwa sein Ego. Dies lasse er hinter der Bühne - bei jeder Probe! Auch der Regisseur, welcher ein anleitender Künstler ist, tue dies - etwaige sein Ego betreffende Einfälle lasse er ganz aus dem vollendeten Kunstwerk heraus! Denn so hinderlich das wechselhafte Ego im persönlichen Leben werden kann, so tödlich ist es als Ausdrucksmittel in der Kunst, die den Pfad der ewigen Zeit und des unendlichen Raumes soeben verlassen hat.

Der Schauspieler ist also verantwortlich kunstvoll dieses geistige Leben seiner Figur sichtbar und mit jedem Wort, alle menschlichen Möglichkeiten nutzend, nichts zurückhaltend, vorzutragen. So ist z.B. eine augenscheinliche Lüge im Text selbst, ebenfalls, als sei sie eine Wahrheit, auszusprechen. Kunstvoll heißt hierbei nichts anderes, als daß es sich nicht um das Leben selbst handelt, sondern eine Form, die dem Leben eigene Wahrheiten, darzustellen - die ewige Sinnsuche und Sinngebung des menschlichen Daseins.

Da ich nur den Text schwarz auf weiß als einzige Vorlage habe, hat jedes Wort seine einzigartige Bedeutung, die es herauszustellen bedarf. Weitere füge ich meiner Vortage nicht hinzu, noch lasse ich etwas weg. Jeder Satz in seiner einmaligen Komposition ergibt einen einmaligen Sinn.

Die Kunst ist eine Freude. Die Kunst kann nicht trübsinnig sein, da es um ewige Werte geht - diese sind licht und nicht düster. Auch im Leben ist es der Sinn, die schlechten Dinge, ja Gedanken, nicht zu vertiefen. Es ist vielmehr der Sinn, diese fortzujagen, denn sie betrüben das Herz. Das Herz des Künstlers edoch ist sein Instrument, um das Licht zu erkennen. Jetzt gebrauche ich meinen freien Willen, diese lichte Kunst auszuführen oder nicht.

Wenn ich auf der Bühne wahrhaftig bin, ist dies auch gleichsam eine Übung für das Leben, in dem ich auch gleich viel freier atmen kann und mich freue, daß ich mich bewegen, denken, kommunizieren kann...

Ist also etwa der Sinn des Lebens, so wahrhaftig, wie der Mensch in seiner wunderbaren Natur geschaffen ist, zu sein? Dann kann auch die Kunst kein anderes Ziel verfolgen. Der Unterschied zwischen Kunst und Leben ist jedoch - und den gilt ist ja auch herauszustellen - , daß die Kunst ewig ist, in ihrer geistigen Lebensform und unsterblich. In ihr kommen nur Wahrheiten vor, in ihr befaßt sich der Mensch mit allem Schönen, Guter im Leben, denn das Häßliche ist vergänglich, das Schlechte sterblich. Der Geist des Menschen jedoch soll von wahrer Schönheit ergriffen sein, sein freier Wille von Gütigkeit, damit seine Seele unsterblich sei. Denn der Mensch wird ewig leben, sobald alles Schlechte, Sterbliche von ihm abgefallen ist.

 


Claudia Petri

Hamburg, Deutschland März, 2001

 

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